Julian- Pädagogik der Nähe

Show transcript

00:00:00: Heute möchte ich von Julian erzählen.

00:00:04: Nicht von Autismus als Diagnose, nicht von Methoden, Programmen oder Konzepten sondern von Beziehung.

00:00:13: Dieses Buch Julian Pädagogik der Nähe ist kein Ratgeber.

00:00:18: Es ist ein Erfahrungsbericht Ein Bericht darüber was geschieht wenn man aufhört ein Kind verändern zu wollen und beginnt bei ihm zu bleiben.

00:00:30: Julian kam nicht als leeres Platz zu uns.

00:00:33: Er kam mit Geschichten, Mit Einschätzung und Warnungen.

00:00:39: Er ist Autist.

00:00:41: Dieser Satz stand immer am Anfang.

00:00:44: Und danach folgte eine Liste von Grenzen.

00:00:47: Er kann dies nicht.

00:00:49: Er versteht jenes nicht.

00:00:51: er meidet Menschen.

00:00:53: Er läuft weg.

00:00:55: Er reagiert aggressiv.

00:00:58: Man sagte das sachlich Und gerade das macht es so endgültig.

00:01:03: Als wir Julian aufnahmen, merken wir sehr schnell diese Beschreibung war nicht falsch aber sie waren unvollständig.

00:01:11: Sie beschrieben Verhalten Aber nicht die Bedingungen unter denen dieses Verhalten entstanden war und damit begann unserer Weg Beziehung vor Konzept.

00:01:23: Wir hatten kein pädagogisches Konzept Nicht aus Trotz, nicht aus Ignoranz sondern weil uns keines überzeugte.

00:01:32: Es gab Programme, Förderziele, Trainings- und Stufenmodelle – alles gut gemeint!

00:01:39: Alles beruhigend vor allem für Erwachsene.

00:01:44: Aber keines dieser Konzepte hatte Julian gesehen.

00:01:49: Sie erklärten was man tun sollte nicht wie man da sein konnte.

00:01:55: Also entschieden wir uns eher tastens als bewusst Für etwas anderes.

00:02:01: Wir wollten zuerst eine Beziehung.

00:02:04: Julian lebte nicht in Sitzung, er lebte im Alltag beim Aufstehen, beim Essen, beim Warten oder beim Schlafen.

00:02:15: und genau dort lag seine eigentliche Thematik Erziehungsstadttherapie –.

00:02:21: die Frage Erziehung oder Therapie stellte sich uns nicht am Anfang.

00:02:28: Sie stellte sich erst, als wir merken, dass etwas nicht zusammenpasste.

00:02:35: Julian war viel behandelt worden und doch blieb nach all dem eine Lehrstelle.

00:02:43: Er wurde betreut aber nicht wirklich begegnet.

00:02:48: Therapie hat ihre Berechtigung.

00:02:53: sie kann stabilisieren sie kann lindern Aber Therapie arbeitet mit Zeitfenstern.

00:03:01: Mit Zielen, mit Distanz.

00:03:04: Erziehung dagegen ist kein Verfahren Sie ist Beziehung.

00:03:11: Julian lebte nicht in Sitzungen Erlebte mit uns Tag und Nacht Mit Hunger und Müdigkeit Mit Angst und Nähe.

00:03:22: Unsere Aufgabe war Nicht Julian zu verändern Unsere Aufgabe war mit ihm zu leben.

00:03:30: Das bedeutete Nähe ohne Pausen, Verantwortung ohne Delegation Beziehung ohne Methode Ansozialisierte Hilflosigkeit.

00:03:44: In diesen Jahren begegneten uns viele sogenannte Lösungen.

00:03:50: Ich nenne sie heute Ansocialisierte Hilfelosigkeit.

00:03:55: Eine Mutter erzählt uns von ihrer Tochter.

00:03:58: Das Mädchen konnte zur Toilette gehen.

00:04:01: Aber man hatte aus Scham eine Lösung gefunden, die Hose wurde vorne zu genäht der Reißverschluss hinten eingenäht das Problem für die Umwelt war gelöst aber das Kind hatte eine neue Hilflosigkeit erlernt.

00:04:25: Ich schreibe es nicht um zu urteilen ich schreiwes weil ich begriffen habe.

00:04:31: Viele Maßnahmen entstehen aus Scham, nicht aus Pädagogik.

00:04:38: Und sie verstärken genau das was später als Unsinnständigkeit beklagt wird.

00:04:44: Sprache die hilft haben wir erkannt weil wir sparen viel mit Julian.

00:04:50: Vielleicht zuviel vielleicht zu kompliziert.

00:04:55: Einmal sagte ich beim Essen macht den Mund zu.

00:04:59: Julian machte den Mund und ahs nicht mehr.

00:05:04: Gisela, meine Frau, sagte ruhig, Julian wenn du ist lege bitte deine Lippen aufeinander.

00:05:13: Er verstand das und er aß weiter.

00:05:17: Das war kein Wunder, das war Präzession.

00:05:21: Wir lernten Verneinung half nicht Tutasnicht ist ein Loch.

00:05:27: Julian konnte Handlungen ausführen aber nur wenn sie sprachlich sichtbar waren Sprach es nicht neutral.

00:05:37: Sie öffnet oder verschließt Handlungsspielräume und sie veränderten nicht nur Julian, sondern auch uns.

00:05:47: Julian lebte lange in einem Körper der ihm nicht ganz gehörte.

00:05:53: Berührung war eine Bedrohung, ein Risiko.

00:05:58: Ich begann mit kleinen Dosen, kurze feste Berührungen und sofortiger Rückzug.

00:06:07: Nähe nicht der Zwingenwert, kann sie entstehen.

00:06:11: Julian bis sich früher die Hand drücken blutig.

00:06:15: Autoaggression sagte man.

00:06:19: Ich reagierte anders.

00:06:20: ich machte Schmerz begrenzt spürbar.

00:06:25: rückmelden Nichtmacht Beziehung.

00:06:28: später kam Kraft Standhaftigkeit und Grenzen dazu.

00:06:34: Julian lernte über den Körper Das Worte ihm noch nicht sagen konnten.

00:06:40: Wo seine Grenzen ist, wo seine Stärke liegt und das beides zusammengehört.

00:06:49: Sozialisation und Selbsterziehung.

00:06:52: Julian war hochsozialisiert.

00:06:56: Er wusste was erwartet wurde.

00:06:59: Was er kaum kannte war sich selbst zu erleben.

00:07:04: Erziehung beginnt dort wo Anpassung nicht mehr genügt nicht als Gegenpunkt zur Sozialisation, sondern als ihre Überschreitung.

00:07:17: Julian begann sich selbst zu regulieren, als sie aufhörten, inständig zu reguliern.

00:07:25: Das war kein Plan – das war eine Haltung!

00:07:30: Unser Abschied zu Julian war am XXV.

00:07:33: Januar, und plötzlich unerwartet.

00:07:38: Ein epileptischer Anfall beendete ein Leben dass gerade begonnen hatte sich selbst zu verstehen.

00:07:47: Ich sah in ihm kein Pflegefall, ich sah einen jungen Mann.

00:07:52: Julian blieb Mensch bis zu seinem letzten

00:07:57: Abendzug.".

00:07:59: Und vielleicht ist das der Kern dieses Buches?

00:08:03: Pädagoge is keine Technik!

00:08:06: Sie es Beziehung und manchmal wird sie so leise, daß man sie kaum noch bemerkt.

00:08:14: Julian Pädagogik der Nähe ist kein Buch nur über Autismus.

00:08:20: Es ist ein Buch über Nähe, über Verantwortung, über Bleiben.

00:08:27: und vielleicht ist das Wichtigste was ich sagen kann Erziehung ist nicht machen.

00:08:35: Erziehungen begleiten.

00:08:38: Und manchmal beginnt alles mit einer Stille.

00:08:43: Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit.

New comment

Your name or nickname, will be shown publicly
At least 10 characters long
By submitting your comment you agree that the content of the field "Name or nickname" will be stored and shown publicly next to your comment. Using your real name is optional.