6.Folge Vom Wissen zur Weisheit
Show notes
„Eigentlich weiß ich es doch.“
Wir wissen, dass wir geduldiger sein sollten. Wir wissen, dass Zuhören wichtig ist. Wir wissen, dass Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Mitgefühl unser Zusammenleben verbessern.
Und trotzdem handeln wir manchmal genau anders.
Warum?
Diese Folge untersucht die Lücke zwischen Wissen und Handeln.
Denn Wissen über Geduld macht uns noch nicht geduldig. Wissen über Gerechtigkeit macht uns noch nicht gerecht. Und ein Vortrag über Mitgefühl macht uns noch nicht mitfühlend.
Zwischen Erkenntnis und Handlung liegt etwas Entscheidendes:
unsere Entscheidung.
Und aus wiederholten Entscheidungen können Gewohnheiten entstehen – und aus ihnen entwickelt sich unser Charakter.
Leitfrage:
Warum tun wir so häufig nicht das, was wir längst als richtig erkannt haben?
Show transcript
Podcast-Reihe: Vom Wissen zur Weisheit
Folge 6: Wissen in Handlung verwandeln
Warum wir oft wissen, was richtig wäre – und trotzdem anders handeln
Einleitung – Eigentlich weiß ich es doch
Wir haben in dieser Podcast-Reihe inzwischen einen langen Weg zurückgelegt.
Begonnen haben wir beim neugierigen Kind und bei der Frage, wie Wissen überhaupt erworben wird.
Mit Erich Fromm haben wir darüber nachgedacht, ob man Wissen besitzen kann wie ein Auto. Später haben wir zwischen Information, Wissen, Verstehen und Erkenntnis unterschieden und uns die Schule angesehen: Welche Bedingungen brauchen Menschen eigentlich, um selbstständig lernen zu können?
Und in der letzten Folge ging es um Kreativität, um die Freiheit, eigene Fragen zu stellen, und um den Mut, Fehler zu machen.
Am Ende stand eine kleine, aber entscheidende Frage:
Wozu?
Wozu benutzen wir unser Wissen, unsere Intelligenz und unsere Kreativität?
Heute gehen wir einen Schritt weiter.
Denn wahrscheinlich kennt jeder von uns diesen merkwürdigen Satz:
„Eigentlich weiß ich es doch.“
Ich weiß, dass ich geduldiger sein sollte und einem anderen besser zuhören müsste. Ich weiß, dass Bewegung meinem Körper guttut. Ich weiß auch, dass eine verletzende Bemerkung einen Konflikt wahrscheinlich nicht lösen wird und dass ich einen Fehler eigentlich zugeben sollte.
Und trotzdem …
tue ich manchmal genau das Gegenteil.
Damit stehen wir vor einer der interessantesten Fragen unserer gesamten Reihe:
Warum handeln wir nicht automatisch nach unserem Wissen?
Wissen allein bewegt noch nichts
Stellen wir uns einen einfachen Fall vor.
Ein Arzt sagt einem Menschen:
„Sie sollten sich mehr bewegen.“
Der Mensch versteht die Empfehlung. Er weiß, warum Bewegung gesund ist, und vielleicht hat er sogar selbst erkannt:
Ja, ich muss etwas verändern.
Er kauft Sportschuhe und nimmt sich vor:
Ab Montag gehe ich jeden Tag spazieren.
Montag kommt.
Es regnet.
Morgen.
Dienstag ist viel zu tun.
Morgen.
Mittwoch ist er müde.
Und nach einigen Wochen stehen die neuen Sportschuhe noch immer im Schrank.
Was hat diesem Menschen gefehlt?
Information?
Wahrscheinlich nicht.
Auch Wissen und Verständnis waren vorhanden. Vielleicht fehlte ihm nicht einmal die Erkenntnis.
Er wusste, was sinnvoll wäre.
Und trotzdem hat er nicht danach gehandelt.
Genau hier erkennen wir:
Zwischen Wissen und Handeln liegt ein eigener Schritt.
„Ich weiß“ und „Ich tue“ sind zwei verschiedene Welten
Nehmen wir ein anderes Beispiel.
Wir wissen, dass Zuhören wichtig ist.
Vielleicht haben wir sogar Bücher über Kommunikation gelesen.
Dann geraten wir in einen Streit.
Der andere sagt etwas, das uns verletzt.
Und plötzlich scheint unser gesamtes Wissen über gute Kommunikation verschwunden zu sein.
Wir unterbrechen den anderen, werden laut oder verteidigen uns und sagen vielleicht etwas, das wir wenige Minuten später bereuen.
Wenn der Streit vorbei ist, sagen wir:
„Ich hätte es besser wissen müssen.“
Aber wahrscheinlich wussten wir es sogar besser.
Das Problem war nicht das fehlende Wissen.
Das Problem entstand in dem Augenblick, in dem dieses Wissen in Handlung übersetzt werden musste.
Wissen über eine Eigenschaft ist nicht die Eigenschaft
Hier kommen wir zu einem Gedanken, den wir in den vergangenen Folgen bereits vorbereitet haben.
Ein Mensch kann sehr viel über Geduld wissen, ohne selbst geduldig zu sein.
Er kann einen hervorragenden Vortrag über Wahrhaftigkeit halten – und trotzdem Schwierigkeiten haben, selbst wahrhaftig zu handeln.
Ein Schüler kann sehr überzeugend erklären, warum Gerechtigkeit wichtig ist. Interessant wird es aber in dem Moment, in dem Gerechtigkeit für ihn selbst einen Nachteil bedeutet.
Und wir können Mitgefühl wissenschaftlich erklären.
Doch was geschieht, wenn vor uns tatsächlich ein Mensch steht, der unsere Hilfe braucht?
Damit müssen wir etwas Wichtiges unterscheiden:
Wissen über eine Eigenschaft ist nicht dasselbe wie die entwickelte Eigenschaft selbst.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Das Beispiel der Geduld
Nehmen wir Geduld.
Wir könnten einem Menschen erklären, was Geduld bedeutet und warum sie gerade in Beziehungen wichtig ist.
Er könnte Bücher darüber lesen und vielleicht sogar eine Prüfung über dieses Thema ablegen.
Doch dann steht er in einer langen Warteschlange.
Vor ihm sucht jemand minutenlang nach seinem Geldbeutel.
Jetzt beginnt die eigentliche Prüfung.
Nicht auf Papier.
Sondern im Leben.
Was geschieht mit seiner Geduld?
Wird er unruhig oder ärgerlich? Kommt vielleicht sogar eine abwertende Bemerkung?
Oder gelingt es ihm, ruhig zu bleiben?
Plötzlich wird deutlich:
Das Leben prüft Eigenschaften anders, als die Schule Wissen prüft.
Eine Klassenarbeit fragt:
„Kannst du Geduld erklären?“
Das Leben fragt:
„Kannst du geduldig sein?“
Wahrhaftigkeit wird erst schwierig, wenn die Wahrheit etwas kostet
Dasselbe gilt für Wahrhaftigkeit.
Fast jeder wird sagen:
„Man sollte die Wahrheit sagen.“
Das ist einfach.
Aber stellen wir uns vor, ich habe einen Fehler gemacht.
Niemand hat ihn bemerkt.
Wenn ich schweige, passiert mir wahrscheinlich nichts. Wenn ich die Wahrheit sage, muss ich dagegen mit unangenehmen Konsequenzen rechnen.
Jetzt verändert sich die Situation.
Die Frage lautet nicht mehr:
„Weiß ich, dass Wahrhaftigkeit wichtig ist?“
Die Frage lautet:
„Bin ich bereit, nach dieser Erkenntnis zu handeln, wenn es für mich unbequem wird?“
Vielleicht zeigt sich eine Eigenschaft genau dort:
wenn sie etwas kostet.
Gerechtigkeit ist leicht – solange ich keinen Nachteil habe
Auch Gerechtigkeit klingt zunächst selbstverständlich.
Wir alle wollen gerecht behandelt werden.
Aber wie sieht es aus, wenn Gerechtigkeit bedeutet, dass ein anderer etwas bekommt, das wir selbst gerne hätten?
Was geschieht, wenn wir zugeben müssen:
„Der andere hat recht.“
Oder wenn wir erkennen:
„Ich habe diesen Menschen falsch beurteilt.“
Vielleicht müssen wir sogar feststellen, dass unser eigener Vorteil in einer bestimmten Situation ungerecht wäre.
Dann wird aus einer schönen Idee eine Herausforderung.
Und genau dort beginnt die Verbindung zwischen Wissen und Charakter.
Geistige Eigenschaften als Fähigkeiten
Vielleicht sollten wir geistige Eigenschaften deshalb nicht nur als schöne moralische Begriffe betrachten.
Wenn wir von Geduld, Mut, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Mitgefühl, Verantwortung, Zuverlässigkeit oder Demut sprechen, reden wir nicht über Wörter für Sonntagsreden.
Wir brauchen diese Eigenschaften mitten im täglichen Leben.
Vielleicht können wir sie sogar als Fähigkeiten des Charakters verstehen.
So wie ein Muskel durch Benutzung stärker wird, können auch Eigenschaften durch Anwendung wachsen.
Geduld entwickelt sich, indem wir Geduld üben. Verantwortung wächst, wenn wir tatsächlich Verantwortung übernehmen. Mut entsteht nicht dadurch, dass wir über ihn lesen, sondern wenn wir trotz unserer Angst handeln.
Auch Mitgefühl wird lebendig, wenn wir lernen, einen anderen Menschen wirklich wahrzunehmen und auf seine Situation zu reagieren.
Und Wahrhaftigkeit?
Sie entwickelt sich dort, wo wir die Wahrheit auch dann achten, wenn eine Unwahrheit bequemer wäre.
Kann man geistige Eigenschaften lernen?
Das führt zu einer spannenden Frage:
Kann man Eigenschaften überhaupt lernen?
Ich glaube: ja.
Aber anders als eine mathematische Formel.
Wir können einem Kind erklären, was Verantwortung bedeutet.
Doch Verantwortung entsteht nicht allein durch die Erklärung.
Das Kind braucht Situationen, in denen ihm tatsächlich Verantwortung übertragen wird.
Vielleicht bekommt es eine Aufgabe in einer Gruppe.
Und plötzlich merkt es:
Andere verlassen sich auf mich.
Wenn ich meine Aufgabe nicht erledige, betrifft das nicht nur mich.
Jetzt wird Verantwortung erfahrbar.
Dasselbe gilt für Zusammenarbeit.
Wir könnten Kindern zehn Regeln über Kooperation geben. Wirklich erfahren werden sie Zusammenarbeit aber vor allem dann, wenn sie gemeinsam etwas schaffen müssen, das keiner von ihnen allein erreichen kann.
Hier erkennen wir erneut, warum die Schulmodelle aus Folge 4 so interessant waren.
Wenn Schule Kindern Freiheit gibt, ihnen Verantwortung überträgt und Zusammenarbeit ermöglicht, vermittelt sie nicht nur Wissen.
Sie schafft Übungsräume für Eigenschaften.
Der Alltag als Lernraum
Aber diese Entwicklung beginnt nicht erst in der Schule.
Erinnern wir uns an Folge 1:
Eltern sind die ersten Lehrer.
Und sie lehren nicht nur durch Worte.
Ein Kind beobachtet, wie Erwachsene miteinander umgehen.
Es erlebt, ob sie Fehler zugeben und sich entschuldigen können. Es hört, wie sie über Menschen sprechen, die gerade nicht anwesend sind. Es erlebt, ob Erwachsene zuhören und ihre Versprechen halten.
Und es beobachtet sehr genau, wie sie mit einem Menschen umgehen, der schwächer ist, oder wie sie reagieren, wenn sie selbst ungerecht behandelt werden.
Das Kind bekommt also täglich Unterricht.
Nur steht über diesem Unterricht nicht:
„Unterrichtsfach Charakterbildung.“
Es ist der Alltag.
Vielleicht ist der Alltag sogar einer der wichtigsten Bildungsräume überhaupt.
Wissen – Erkenntnis – Entscheidung – Handlung
Nun können wir unseren bisherigen Weg etwas genauer betrachten.
Wir haben gesehen, wie aus einer Information Wissen und aus Wissen Verstehen entstehen kann. Manchmal entwickelt sich daraus eine tiefere Erkenntnis.
Aber jetzt kommt etwas Neues hinzu:
die Entscheidung.
Ich kann erkannt haben:
Das wäre richtig.
Doch nun muss ich entscheiden:
Tue ich es auch?
Und erst aus dieser Entscheidung kann Handlung entstehen.
Vielleicht können wir unseren bisherigen Weg deshalb erweitern:
Information führt zu Wissen.Wissen kann zu Verstehen werden.Aus Verstehen kann Erkenntnis entstehen.Erkenntnis verlangt irgendwann eine Entscheidung.Und eine Entscheidung wird erst durch Handlung sichtbar.
Wenn wir diese Handlung immer wieder vollziehen, kann daraus eine Gewohnheit werden.
Und Gewohnheiten prägen schließlich unseren Charakter.
Vom einzelnen Handeln zur Gewohnheit
Nehmen wir noch einmal das Zuhören.
Ein einziges Mal aufmerksam zuzuhören macht uns noch nicht zu einem guten Zuhörer.
Aber wir können es üben.
Beim nächsten Gespräch versuche ich, den anderen wirklich ausreden zu lassen.
Vielleicht gelingt es.
Vielleicht auch nicht.
Beim nächsten Mal versuche ich es erneut.
Allmählich kann sich etwas verändern.
Was zunächst bewusste Anstrengung war, wird irgendwann selbstverständlicher.
Das ist ein wichtiger Gedanke.
Denn wir müssen nicht darauf warten, eines Morgens als geduldiger, gerechter oder mitfühlender Mensch aufzuwachen.
Eigenschaften entwickeln sich im Tun.
Vielleicht liegt genau darin die Brücke zwischen Wissen und Sein.
Aber warum entscheiden wir uns manchmal trotzdem dagegen?
Nun könnte man sagen:
Gut. Wenn ich weiß, was richtig ist, muss ich mich eben dafür entscheiden.
Aber so einfach ist es nicht.
Unsere Entscheidungen entstehen nicht in einem leeren Raum.
Gewohnheiten und Ängste wirken auf uns ein. Manchmal suchen wir Anerkennung, manchmal wollen wir einen persönlichen Vorteil nicht verlieren. Gruppendruck kann ebenso eine Rolle spielen wie Ärger, Verletzungen oder schlicht die Verlockung des bequemeren Weges.
Stellen wir uns einen Jugendlichen in einer Gruppe vor.
Ein anderer wird ausgelacht.
Der Jugendliche erkennt:
Das ist nicht richtig.
Vielleicht empfindet er sogar Mitgefühl.
Aber wenn er eingreift, riskiert er, selbst ausgelacht zu werden.
Jetzt reicht Mitgefühl allein möglicherweise nicht.
Er braucht noch etwas:
Mut.
Und plötzlich erkennen wir etwas Entscheidendes.
Geistige Eigenschaften wirken nicht isoliert. Sie unterstützen sich gegenseitig.
Mitgefühl braucht manchmal Mut
Ein Mensch kann Mitgefühl besitzen und trotzdem schweigen, weil ihm in diesem Augenblick der Mut fehlt.
Ein anderer kann sehr mutig sein. Aber ohne Gerechtigkeit kann sein Mut in eine falsche Richtung gehen.
Auch Wahrhaftigkeit braucht andere Eigenschaften. Denn wenn Rücksicht vollkommen fehlt, kann sich Verletzung plötzlich als vermeintliche Ehrlichkeit ausgeben.
Und selbst Geduld braucht Verantwortung. Sonst kann aus Geduld irgendwann bloßes Hinnehmen werden.
Das ist interessant.
Vielleicht besteht Charakter nicht aus einzelnen Eigenschaften, die nebeneinander in einem Regal stehen.
Sie müssen miteinander in Beziehung treten.
So wie unser Wissen Zusammenhänge braucht, brauchen auch unsere Eigenschaften einander.
Intelligenz braucht Orientierung
Damit können wir einen Gedanken aus Folge 5 wieder aufnehmen.
Ein hochintelligenter Mensch kann außergewöhnliche Dinge entwickeln.
Ein kreativer Mensch kann neue Wege finden.
Aber weder Intelligenz noch Kreativität beantworten von sich aus die Frage:
Wofür?
Ein Mensch kann seine Fähigkeiten zum Wohl anderer einsetzen – oder ausschließlich für seinen eigenen Vorteil.
Er kann sein Wissen nutzen, um zu heilen, aber auch um zu manipulieren. Technische Fähigkeiten können etwas hervorbringen, das Menschen hilft, oder etwas, das ihnen schadet.
Deshalb braucht Wissen Orientierung.
Und genau hier bekommen geistige Eigenschaften eine Bedeutung, die weit über persönliche Freundlichkeit hinausgeht.
Sie beeinflussen, wofür wir unser Wissen einsetzen.
Bildung muss deshalb weitergehen
Vielleicht haben wir Bildung lange zu früh für abgeschlossen erklärt.
Ein Mensch beendet die Schule, absolviert eine Ausbildung oder ein Studium und besitzt schließlich einen Abschluss.
Wir sagen:
Er ist gut ausgebildet.
Aber vielleicht müssen wir zwei Begriffe unterscheiden:
Ausbildung und Bildung.
Ausbildung vermittelt Fähigkeiten, die wir benötigen, um etwas zu können.
Bildung müsste darüber hinaus auch die Frage stellen:
Was für ein Mensch werde ich mit diesen Fähigkeiten?
Denn ein Mensch kann hervorragend ausgebildet sein und seine Fähigkeiten trotzdem verantwortungslos einsetzen.
Vielleicht ist deshalb die Entwicklung des Charakters kein Zusatz zur Bildung.
Vielleicht gehört sie in ihre Mitte.
Können Schulen Charakter bilden?
Nun müssen wir vorsichtig sein.
Soll Schule bestimmen, was ein „guter Mensch“ ist?
Soll der Staat Kindern vorschreiben, welche Persönlichkeit sie entwickeln sollen?
Das wäre problematisch.
Charakterbildung darf nicht zur ideologischen Belehrung werden.
Aber daraus folgt nicht, dass Schule wertfrei wäre.
Schon die Art, wie Menschen dort miteinander umgehen, vermittelt Werte.
Es macht einen Unterschied, ob Schüler mitreden dürfen und wie mit ihren Fehlern umgegangen wird. Es macht einen Unterschied, ob Konflikte durch Macht oder durch Gespräch gelöst werden, ob Schwächere geschützt werden und ob Konkurrenz oder Zusammenarbeit den Alltag bestimmt.
Und natürlich erleben Kinder auch, wie Lehrer mit ihnen sprechen und wie Schüler untereinander miteinander umgehen.
All das vermittelt Vorstellungen davon, wie Menschen zusammenleben.
Die entscheidende Frage ist deshalb vielleicht nicht:
„Soll Schule Werte vermitteln?“
Sondern:
„Welche Werte vermittelt Schule ohnehin – durch die Art, wie sie organisiert ist und wie Menschen darin miteinander umgehen?“
Vom Wissen zum gelebten Wissen
Damit können wir langsam zum Ausgangspunkt zurückkehren.
Wir haben gefragt:
Warum tun wir nicht automatisch das, was wir wissen?
Weil zwischen Wissen und Handlung ein Mensch steht.
Ein Mensch mit Gewohnheiten und Ängsten, mit Interessen und Erfahrungen – aber auch mit der Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und Eigenschaften zu entwickeln.
Deshalb reicht es nicht, einen Menschen mit immer mehr Wissen zu füllen.
Er muss lernen, mit diesem Wissen umzugehen, es zu prüfen und anzuwenden.
Und irgendwann muss er Verantwortung dafür übernehmen, was er daraus macht.
Vielleicht ist genau das:
gelebtes Wissen.
Das Samenkorn trägt die ersten Früchte
Erinnern wir uns wieder an unser Samenkorn.
In Folge 1 haben wir es erworben.
In Folge 2 haben wir gefragt, ob wir es besitzen können.
In Folge 3 haben wir begonnen zu verstehen, was darin steckt.
In Folge 4 haben wir nach einer Lernumgebung gefragt, in der es wachsen kann.
In Folge 5 bekam es Raum für Kreativität und eigenes Denken.
Und heute?
Heute geschieht etwas Entscheidendes.
Aus dem Wissen wird Handlung.
Das Samenkorn beginnt nicht nur zu wachsen.
Es beginnt Früchte zu tragen.
Aber damit stellt sich sofort eine neue Frage:
Welche Früchte?
Denn nicht jede Handlung ist gut.
Ein Mensch kann entschlossen sein, ohne dass seine Entschlossenheit automatisch dem Guten dient. Er kann mutig handeln – aber auch Mut braucht eine Richtung.
Vielleicht müssen wir deshalb in der nächsten Folge genauer betrachten, was wir bisher nur angerissen haben:
die geistigen Eigenschaften.
Was sind sie eigentlich?
Sind sie angeboren oder können wir sie entwickeln?
Wie hängen sie miteinander zusammen?
Und warum könnte gerade ihre Entwicklung darüber entscheiden, was ein Mensch aus seinem Wissen macht?
Darum geht es in der nächsten Folge:
Folge 7: Geistige Eigenschaften – Wenn Wissen Charakter braucht
Denn vielleicht zeigt sich Weisheit nicht darin, wie viel ein Mensch weiß.
Vielleicht zeigt sie sich zunehmend darin, wie er mit seinem Wissen lebt.
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