7. Folge Vom Wissen zur Weisheit

Show notes

Geduld. Mut. Wahrhaftigkeit. Gerechtigkeit. Mitgefühl. Demut. Verantwortung.
Wir können all diese Begriffe erklären.
Aber können wir sie auch leben?
Diese Folge fragt, was geistige Eigenschaften eigentlich sind und wie sie sich entwickeln. Dabei zeigt sich etwas Entscheidendes: Eigenschaften stehen nicht einfach nebeneinander. Sie brauchen einander.
Mitgefühl braucht manchmal Mut.
Wahrhaftigkeit braucht Rücksicht und Urteilskraft.
Geduld darf nicht zum Hinnehmen von Ungerechtigkeit werden.
Und Wissen braucht Demut – auch die Fähigkeit zu sagen:
„Vielleicht irre ich mich.“
Geistige Eigenschaften lassen sich nicht einfach auswendig lernen. Sie entwickeln sich durch Erfahrung, Beziehung, Vorbilder, Entscheidungen und immer neue Übung.
Leitfrage:
Was nützt uns großes Wissen, wenn unserem Handeln die menschliche Orientierung fehlt?

Show transcript

Podcast-Reihe: Vom Wissen zur Weisheit

Folge 7: Geistige Eigenschaften – Wenn Wissen Charakter braucht

Einleitung – Was für ein Mensch wollen wir sein?

In der letzten Folge haben wir eine entscheidende Grenze des Wissens erreicht.

Wir können wissen, was richtig wäre. Wir können es verstanden haben und sogar vollkommen davon überzeugt sein.

Und trotzdem handeln wir manchmal anders.

Wir haben gesehen:

Zwischen Erkenntnis und Handlung liegt eine Entscheidung.

Und diese Entscheidung wird nicht allein von unserem Wissen bestimmt.

Sie hängt auch damit zusammen, was für ein Mensch wir geworden sind.

Damit kommen wir heute zu einem Begriff, den wir in den vergangenen Folgen immer wieder berührt, aber noch nicht genauer betrachtet haben:

geistige Eigenschaften.

Damit meine ich Eigenschaften wie Geduld und Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Mut, Mitgefühl, Demut, Verantwortungsbewusstsein oder Zuverlässigkeit.

Was sind solche Eigenschaften eigentlich?

Sind sie uns angeboren?

Kann man sie lernen und üben?

Und vor allem:

Was haben sie mit Wissen und Bildung zu tun?

Vielleicht sehr viel mehr, als wir zunächst vermuten.

Was ist eine geistige Eigenschaft?

Wenn wir von geistigen Eigenschaften sprechen, meinen wir keine Informationen.

Ich kann wissen, was Geduld bedeutet.

Aber dieses Wissen macht mich noch nicht geduldig.

Ich kann Gerechtigkeit definieren.

Aber deshalb handle ich noch nicht gerecht.

Und ich kann einen Vortrag über Mitgefühl halten.

Ob ich wirklich mitfühlend bin, zeigt sich jedoch erst in der Begegnung mit einem anderen Menschen.

Eine geistige Eigenschaft ist deshalb nicht etwas, das ich lediglich weiß.

Sie zeigt sich darin, wie ich wahrnehme, entscheide und handle.

Vielleicht können wir es so formulieren:

Wissen kann ich beschreiben. Eine Eigenschaft muss ich leben.

Und damit stehen geistige Eigenschaften genau an der Stelle, die uns in dieser Podcast-Reihe interessiert:

zwischen Erkenntnis und Handlung.

Sind Eigenschaften angeboren?

Schon kleine Kinder sind verschieden.

Das eine ist von Natur aus zurückhaltender, ein anderes stürmischer. Manche Kinder reagieren sehr empfindlich, andere gehen unbekümmert auf Menschen und neue Situationen zu.

Aber bedeutet das, dass unser Charakter von Geburt an feststeht?

Offensichtlich nicht.

Wir entwickeln uns.

Unsere Familie und unsere Beziehungen prägen uns ebenso wie Vorbilder, Erziehung und Schule. Erfolge hinterlassen Spuren, aber auch Fehler und schwierige Erfahrungen.

Und nicht zuletzt entwickeln wir uns durch unsere eigenen Entscheidungen.

Vielleicht sollten wir deshalb zwischen Temperament und Charakter unterscheiden.

Unser Temperament bringt bestimmte Voraussetzungen mit.

Aber unser Charakter entwickelt sich ein Leben lang.

Das ist eine wichtige Erkenntnis.

Denn sie bedeutet:

Wir sind unseren Eigenschaften nicht einfach ausgeliefert. Wir können an ihnen arbeiten.

Eigenschaften entstehen durch Übung

Nehmen wir Geduld.

Wie wird ein Mensch geduldiger?

Wahrscheinlich nicht dadurch, dass er morgens hundertmal sagt:

„Ich bin geduldig.“

Geduld braucht Situationen, in denen sie tatsächlich erforderlich ist.

Wir warten.

Etwas funktioniert nicht.

Ein Mensch versteht uns nicht.

Ein Kind fragt zum zehnten Mal dasselbe.

Und plötzlich spüren wir, wie Ungeduld in uns aufsteigt.

Genau jetzt beginnt die Übung.

Kann ich einen Augenblick warten?

Kann ich meine erste Reaktion zurückhalten?

Kann ich vielleicht sogar versuchen zu verstehen, warum der andere so handelt?

Heute gelingt es möglicherweise nicht.

Morgen vielleicht ein wenig besser.

Und irgendwann stellen wir fest:

Etwas hat sich verändert.

Was zunächst große Anstrengung verlangte, fällt uns leichter.

Eine einzelne Handlung beginnt zur Haltung zu werden.

Eigenschaften wachsen durch Anwendung.

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben

Auch Mut ist ein gutes Beispiel.

Bei einem mutigen Menschen denken wir manchmal an jemanden, der keine Angst hat.

Aber vielleicht ist das gerade nicht Mut.

Wenn ich überhaupt keine Angst empfinde, brauche ich möglicherweise auch keinen Mut.

Mut zeigt sich eher dort, wo ich Angst oder Unsicherheit wahrnehme und trotzdem handle, weil ich etwas für richtig halte.

Erinnern wir uns an das Beispiel aus Folge 6.

Ein Jugendlicher sieht, wie ein anderer ausgelacht wird.

Er erkennt:

Das ist nicht richtig.

Vielleicht empfindet er sogar Mitgefühl.

Aber wenn er eingreift, könnte er selbst zum Ziel werden.

Jetzt braucht sein Mitgefühl Unterstützung.

Es braucht Mut.

Und damit erkennen wir etwas Entscheidendes:

Geistige Eigenschaften stehen nicht isoliert nebeneinander. Sie brauchen einander.

Mitgefühl braucht manchmal Mut

Ein Mensch kann sehr mitfühlend sein.

Er sieht das Leid eines anderen und spürt, dass dort etwas Falsches geschieht.

Und trotzdem schweigt er.

Vielleicht aus Angst.

Vielleicht auch, weil alle anderen ebenfalls schweigen.

Sein Mitgefühl ist vorhanden.

Aber es findet keinen Weg in die Handlung.

Jetzt braucht Mitgefühl Mut.

Andersherum gilt allerdings ebenso:

Mut ohne Mitgefühl kann problematisch werden.

Ein Mensch kann äußerst mutig sein und trotzdem rücksichtslos handeln.

Mut allein sagt noch nichts darüber aus, wofür er eingesetzt wird.

Damit kommen wir zu einem wichtigen Grundgedanken:

Eine einzelne positive Eigenschaft genügt nicht. Charakter entsteht im Zusammenspiel verschiedener Eigenschaften.

Wahrhaftigkeit braucht Rücksicht – aber keine Unehrlichkeit

Nehmen wir Wahrhaftigkeit.

Wir könnten sagen:

„Ich sage immer die Wahrheit.“

Das klingt zunächst hervorragend.

Aber stellen wir uns jemanden vor, der einem anderen Menschen jede verletzende Meinung ungefiltert ins Gesicht sagt und anschließend erklärt:

„Ich bin eben ehrlich.“

Ist das Wahrhaftigkeit?

Oder vielleicht Rücksichtslosigkeit, die sich als Ehrlichkeit verkleidet?

Wahrhaftigkeit braucht deshalb Mitgefühl und Weisheit.

Aber Vorsicht:

Das bedeutet nicht, dass wir aus Rücksicht unehrlich werden sollen.

Die Herausforderung lautet vielmehr:

Wie kann ich wahrhaftig sein, ohne den anderen unnötig zu verletzen?

Plötzlich erkennen wir:

Geistige Eigenschaften sind keine einfachen Regeln.

Sie verlangen Urteilskraft.

Geduld braucht Verantwortung

Auch Geduld ist nicht grenzenlos positiv.

Stellen wir uns einen Menschen vor, der ständig Ungerechtigkeit erlebt und sich sagt:

„Ich muss eben geduldig sein.“

Deshalb tut er nichts.

Aber vielleicht wäre gerade jetzt Handeln notwendig.

Dann wird Geduld zum passiven Hinnehmen.

Geduld braucht deshalb Verantwortung – und manchmal auch Mut.

Vielleicht bedeutet wirkliche Geduld gar nicht:

„Ich tue nichts.“

Sondern:

„Ich handle überlegt und lasse mich nicht von meinem ersten Impuls beherrschen.“

Das ist etwas völlig anderes.

Demut – eine unterschätzte Eigenschaft des Wissenden

Eine Eigenschaft möchte ich in dieser Podcast-Reihe besonders hervorheben:

Demut.

Der Begriff klingt für manche Menschen altmodisch, vielleicht sogar nach Unterwerfung.

Aber das meine ich nicht.

Demut bedeutet nicht:

„Ich bin weniger wert als andere.“

Vielleicht bedeutet sie vielmehr:

„Ich erkenne meine eigenen Grenzen.“

Das passt unmittelbar zu einem Gedanken aus Folge 3.

Ein wissender Mensch sollte sagen können:

„Das weiß ich.“

Aber ebenso:

„Das weiß ich nicht.“

Und vielleicht sogar:

„Ich könnte mich irren.“

Je mehr wir lernen, desto deutlicher können wir erkennen, wie groß das Gebiet dessen ist, was wir nicht wissen.

Deshalb könnte Demut gerade für einen hochgebildeten Menschen eine entscheidende Eigenschaft sein.

Nicht als Gegensatz zum Wissen.

Sondern als dessen Begleiter.

Wissen ohne Demut kann Überheblichkeit erzeugen.

Doch Demut ohne Wissen genügt ebenfalls nicht.

Wieder erkennen wir:

Eigenschaften und Fähigkeiten brauchen einander.

Gerechtigkeit verlangt mehr als Gleichbehandlung

Auch Gerechtigkeit verdient einen genaueren Blick.

Gerechtigkeit bedeutet nicht zwangsläufig:

Alle bekommen dasselbe.

Stellen wir uns drei Kinder vor, die dieselbe Aufgabe erhalten.

Das erste versteht sie sofort.

Das zweite braucht eine zusätzliche Erklärung.

Das dritte benötigt vielleicht einen ganz anderen Zugang.

Wäre es gerecht, allen exakt dieselbe Hilfe zu geben?

Oder bedeutet Gerechtigkeit manchmal gerade, Unterschiede wahrzunehmen?

Diese Frage kennen wir auch aus der Schule.

Gleichbehandlung und Gerechtigkeit sind nicht immer identisch.

Gerechtigkeit verlangt deshalb etwas sehr Schwieriges:

genau hinzuschauen.

Was braucht dieser Mensch in dieser Situation?

Was wäre angemessen?

Und kann es sein, dass mein eigenes Interesse mein Urteil beeinflusst?

Auch hier reicht eine Definition von Gerechtigkeit nicht.

Wir brauchen Urteilskraft.

Verantwortung – die Brücke zwischen Wissen und Handlung

Vielleicht nimmt Verantwortung unter den geistigen Eigenschaften eine besondere Stellung ein.

Denn Verantwortung fragt:

Was mache ich mit dem, was ich weiß und kann?

Wir haben in Folge 5 über Kreativität gesprochen.

Ein Mensch entwickelt eine neue Technologie.

Dann stellt Verantwortung die Frage nach ihren Folgen.

Ein Wissenschaftler macht eine Entdeckung.

Nun entsteht die Frage, wie dieses Wissen eingesetzt wird.

Ein Lehrer besitzt durch Bewertungen eine gewisse Macht.

Wie geht er damit um?

Oder ein Mensch erkennt ganz einfach:

Jemand braucht meine Hilfe.

Was bedeutet diese Erkenntnis jetzt für mich?

Vielleicht verbindet Verantwortung Erkenntnis mit Handlung.

Denn wenn ich etwas erkannt habe, kann ich nicht immer so tun, als hätte ich es nicht gesehen.

Eigenschaften werden in Beziehungen sichtbar

Interessanterweise können wir viele geistige Eigenschaften gar nicht allein entwickeln.

Gerechtigkeit und Mitgefühl setzen andere Menschen voraus. Zuverlässigkeit zeigt sich erst darin, ob sich jemand auf uns verlassen kann. Vergebung wird dort bedeutsam, wo eine Verletzung stattgefunden hat, und Zusammenarbeit braucht ohnehin Gemeinschaft.

Selbst unsere Geduld wird häufig erst dann wirklich herausgefordert, wenn andere Menschen nicht so handeln, wie wir es gerne hätten.

Das bedeutet:

Beziehungen sind Übungsräume unseres Charakters.

Damit kehren wir zu einem Gedanken zurück, der sich durch viele unserer bisherigen Podcasts zieht:

Der Mensch entwickelt sich in Beziehung.

Vielleicht ist Gemeinschaft deshalb nicht nur etwas, das wir brauchen, um uns wohlzufühlen.

Sie ist auch ein Ort unserer Entwicklung.

Eltern und Erzieher – Eigenschaften werden vorgelebt

Und wieder kommen wir zur Kindheit zurück.

Wie lernt ein Kind Wahrhaftigkeit?

Natürlich können wir ihm sagen:

„Du darfst nicht lügen.“

Aber was erlebt es?

Hört es vielleicht, wie Erwachsene selbst kleine Unwahrheiten benutzen, sobald diese bequem sind?

Und wie lernt ein Kind Respekt?

Durch eine Definition?

Oder dadurch, dass es selbst respektvoll behandelt wird?

Wie lernt es, einen Fehler zuzugeben?

Vielleicht dadurch, dass ein Vater oder eine Mutter sagen kann:

„Da habe ich mich geirrt. Es tut mir leid.“

Was für eine starke pädagogische Handlung das sein kann.

Der Erwachsene verliert dadurch nicht seine Autorität.

Er zeigt dem Kind etwas viel Wertvolleres:

Ein Mensch darf einen Fehler machen und Verantwortung dafür übernehmen.

Damit sind wir wieder beim Grundgedanken aus Folge 1:

Kinder lernen durch Nachahmung.

Das gilt nicht nur für Sprache und alltägliche Handlungen.

Es gilt auch für Eigenschaften.

Und welche Aufgabe hat Schule?

Nun wird es für unsere Bildungsfrage interessant.

Kann Schule geistige Eigenschaften fördern?

Ich glaube ja.

Aber nicht hauptsächlich durch ein neues Schulfach.

Stellen wir uns vor, wir führten das Fach „Werte“ ein.

Am Montag wäre Wahrhaftigkeit an der Reihe, am Dienstag Gerechtigkeit und am Mittwoch Mitgefühl.

Am Donnerstag schreiben wir darüber eine Klassenarbeit.

Und am Freitag bekommt ein Schüler eine Eins in Mitgefühl.

Wir merken sofort:

So funktioniert es nicht.

Geistige Eigenschaften müssen in der Struktur des Schulalltags erfahrbar werden.

Wenn wir Verantwortung fördern wollen, müssen Schüler Verantwortung bekommen.

Zusammenarbeit kann nur entstehen, wenn Kinder tatsächlich miteinander arbeiten dürfen. Respekt wird glaubwürdig, wenn sie selbst respektvoll behandelt werden. Und selbstständiges Denken braucht Räume, in denen eigene Gedanken wirklich erlaubt sind.

Auch Gerechtigkeit kann nicht nur erklärt werden.

Das schulische Zusammenleben muss möglichst gerecht erlebt werden.

Werte werden nicht nur gelehrt. Sie werden gelebt.

Wissen und Charakter dürfen keine Gegner werden

Dabei möchte ich ein mögliches Missverständnis vermeiden.

Wenn wir über geistige Eigenschaften sprechen, bedeutet das nicht, dass Wissen weniger wichtig wäre.

Wir brauchen hervorragend ausgebildete Ärzte, Ingenieure, Handwerker, Lehrer, Wissenschaftler und Pflegekräfte.

Wir brauchen Menschen mit fundiertem Fachwissen.

Aber stellen wir uns einen hervorragend ausgebildeten Arzt ohne Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein vor.

Oder einen brillanten Wissenschaftler ohne Wahrhaftigkeit.

Was geschieht, wenn ein hochintelligenter Politiker kein Verantwortungsgefühl besitzt oder einem technisch hervorragenden Ingenieur die Folgen seiner Arbeit gleichgültig sind?

Dann erkennen wir:

Fachwissen und Charakter sind keine Gegensätze.

Im Gegenteil.

Je größer die Fähigkeiten eines Menschen werden, desto größer kann auch seine Verantwortung werden.

Das Ziel kann deshalb nicht heißen:

Wissen oder Charakter.

Es muss heißen:

Wissen und Charakter.

Geistige Eigenschaften brauchen lebenslange Entwicklung

Vielleicht haben wir noch eine weitere falsche Vorstellung.

Wir sprechen von Erziehung häufig so, als sei sie irgendwann abgeschlossen.

Nach Kindheit und Jugend kommen Schule und Ausbildung – und dann ist der Mensch erwachsen.

Fertig.

Aber wer von uns ist mit zwanzig oder dreißig Jahren wirklich fertig entwickelt?

Wer könnte ernsthaft behaupten, seine Geduld oder Gerechtigkeit sei vollkommen, er handle immer wahrhaftig und treffe ausschließlich verantwortungsvolle Entscheidungen?

Wahrscheinlich niemand.

Vielleicht gehört es gerade zum Menschsein, dass diese Entwicklung niemals vollständig abgeschlossen ist.

Wir bleiben Lernende.

Nicht nur beim Wissen.

Auch beim Charakter.

Das ist ein hoffnungsvoller Gedanke.

Denn ein Fehler bedeutet dann nicht:

„So bin ich eben.“

Sondern:

„Hier kann ich mich entwickeln.“

Eigenschaften brauchen Bewusstsein und Übung

Wie könnte eine solche Entwicklung aussehen?

Vielleicht beginnt sie wieder mit Erkenntnis.

Ich bemerke:

In bestimmten Situationen werde ich schnell ungeduldig.

Das ist eine Erkenntnis.

Nun kann ich mir vornehmen, beim nächsten Mal meine erste Reaktion nicht sofort auszusprechen.

Das ist eine Entscheidung.

Dann kommt die Situation.

Jetzt muss ich handeln.

Vielleicht gelingt es.

Vielleicht nicht.

Danach kann ich zurückblicken und mich fragen:

Was ist eigentlich passiert?

Warum habe ich so reagiert?

Was könnte ich beim nächsten Mal anders machen?

Und dann versuche ich es erneut.

So entsteht ein fortlaufender Prozess, in dem sich Erkenntnis, Entscheidung, Handlung und Reflexion miteinander verbinden.

Vielleicht entsteht Charakter genau in diesem Prozess.

Wann wird daraus Weisheit?

Nun nähern wir uns langsam der großen Frage, die dieser gesamten Podcast-Reihe ihren Namen gegeben hat:

Vom Wissen zur Weisheit.

Wir haben viel über Wissen gesprochen.

Aber was ist Weisheit?

Ist ein Mensch weise, weil er sehr viel weiß?

Das scheint uns inzwischen zu wenig.

Ist er weise, weil er viel erlebt hat?

Auch das allein genügt nicht.

Ist er weise, weil er gute Eigenschaften besitzt?

Wir kommen näher.

Aber vielleicht fehlt noch etwas.

Denn irgendwann muss ein Mensch auch fragen:

Wofür lebe ich eigentlich?

Wofür benutze ich mein Wissen und meine Fähigkeiten?

Welche Verantwortung habe ich?

Und was gibt meinem Handeln eine Richtung?

Damit kommen wir zu einem Begriff, den wir bisher bewusst noch nicht in den Mittelpunkt gestellt haben:

Sinn.

Der Übergang zu Folge 8

Vielleicht kann ein Mensch sehr viel wissen.

Er kann kreativ denken, große Fähigkeiten besitzen und mit Mut und Disziplin handeln.

Aber noch immer bleibt eine Frage:

Wozu?

Was gibt seinem Wissen eine Richtung?

Was gibt seinem Handeln Bedeutung?

Warum übernimmt ein Mensch Verantwortung, selbst wenn daraus kein persönlicher Vorteil entsteht?

Und was trägt ihn, wenn äußere Sicherheiten verloren gehen?

Damit kommen wir in der nächsten Folge zu einem Menschen, der sich mit dieser Frage unter extremsten Bedingungen auseinandersetzen musste:

Viktor Frankl.

Seine Erfahrungen und sein Denken führten ihn zu einer tiefen Überzeugung:

Der Mensch braucht nicht nur Wissen.

Er sucht Sinn.

Und selbst dort, wo ein Mensch die äußeren Umstände kaum noch verändern kann, bleibt für Frankl eine entscheidende Frage:

Welche Haltung nehme ich zu dem ein, was mir begegnet?

Damit öffnet sich für unsere Reihe eine neue Dimension.

Wir haben gefragt, was der Mensch weiß und was er versteht.

Dann haben wir betrachtet, wie aus Erkenntnis Handlung werden kann.

Nun fragen wir:

Wofür?

Darum geht es in der nächsten und letzten Folge:

Folge 8: Vom Wissen zum Sinn

Viktor Frankl – Wissen, Haltung und Verantwortung

Denn vielleicht beginnt Weisheit dort, wo ein Mensch nicht nur weiß, was er tun kann, sondern zunehmend erkennt, wofür er Verantwortung übernehmen will.

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