8. Folge Vom Wissen zur Weisheit

Show notes

Wir können wissen.
Wir können verstehen.
Wir können kreativ sein und unsere Fähigkeiten entwickeln.
Aber irgendwann begegnet uns eine andere Frage:
Wozu?
Viktor Frankl stellte die Suche nach Sinn in den Mittelpunkt seines Denkens. Seine Logotherapie versteht den Menschen als ein Wesen, das nach Sinn sucht und innerhalb seiner gegebenen Möglichkeiten Stellung beziehen und Verantwortung übernehmen kann.
Damit führt uns die letzte Folge der Reihe über das Wissen hinaus.
Wofür setze ich mein Wissen ein?
Welche Verantwortung entsteht aus dem, was ich erkannt habe?
Was gibt meinem Handeln eine Richtung?
Frankls Denken führt zu einer wichtigen Einsicht: Ein erfülltes Leben lässt sich nicht allein an Wissen, Besitz oder Erfolg messen. Sinn ist eng damit verbunden, wie ein Mensch auf das Leben antwortet und Verantwortung übernimmt.
Leitfrage:
Vielleicht lautet die wichtigste Frage nicht: „Was kann ich vom Leben erwarten?“ – sondern: „Welche Antwort gebe ich mit meinem Leben?“

Show transcript

Podcast-Reihe: Vom Wissen zur Weisheit

Folge 8: Vom Wissen zum Sinn

Viktor Frankl – Wissen, Haltung und Verantwortung

Einleitung – Wir wissen viel. Aber wissen wir auch, wofür?

Wir sind in dieser Podcast-Reihe einen langen Weg gegangen.

Begonnen haben wir mit einem neugierigen Kind.

Mit einem Kind, das seine Welt betrachtet, ausprobiert, nachahmt und immer wieder fragt:

Warum?

Von dort aus haben wir verfolgt, wie Wissen entsteht.

Wir haben mit Erich Fromm darüber nachgedacht, ob man Wissen besitzen kann wie einen Gegenstand.

Wir haben Wissen von bloßer Information unterschieden und gefragt, wann aus Wissen wirklich Verstehen und Erkenntnis werden.

Wir haben Schule betrachtet und unterschiedliche Formen des Lernens.

Wir haben über Kreativität gesprochen, über die Freiheit, eigene Fragen zu stellen, und über den Mut, Fehler zu machen.

Später ging es um die Frage, warum Wissen allein nicht automatisch zu richtigem Handeln führt.

Und in der letzten Folge haben wir uns mit geistigen Eigenschaften beschäftigt – mit Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, mit Mut, Mitgefühl, Demut und Verantwortung.

All diese Gedanken führen uns heute zu einer Frage, die vielleicht über allen bisherigen Fragen steht:

Wozu?

Wozu erwerben wir Wissen?

Wozu entwickeln wir unsere Fähigkeiten?

Wozu brauchen wir Kreativität?

Und wozu bilden wir unseren Charakter?

Wir können sehr viel wissen.

Aber beantwortet Wissen allein die Frage, wofür wir leben?

An diesem Punkt begegnen wir einem Menschen, dessen Denken von genau dieser Frage tief geprägt wurde:

Viktor Frankl.

Viktor Frankl – wenn Sicherheiten zerbrechen

Viktor Frankl war österreichischer Neurologe und Psychiater.

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte er sich intensiv mit der Frage nach dem Sinn menschlichen Lebens.

Doch dann wurde aus einer philosophischen und psychologischen Frage eine existentielle Erfahrung.

Frankl wurde als Jude verfolgt und in mehrere Konzentrationslager deportiert.

Seine Eltern, sein Bruder und seine Frau wurden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.

Frankl selbst überlebte.

Wenn wir heute über seine Gedanken sprechen, müssen wir dabei vorsichtig sein.

Das, was Menschen in den Konzentrationslagern erlebten, darf niemals zu einer einfachen Lebensweisheit verkürzt werden.

Diese Lager waren Orte systematischer Entrechtung, Erniedrigung, Gewalt und Ermordung.

Und gerade deshalb hat die Frage, mit der sich Frankl später immer wieder beschäftigte, ein solches Gewicht:

Was bleibt vom Menschen, wenn ihm fast alles genommen wird?

Was bleibt, wenn Besitz, Beruf und gesellschaftliche Stellung verschwinden?

Wenn Sicherheit und Freiheit verloren gehen?

Wenn geliebte Menschen fehlen?

Was bleibt dann noch vom Menschen?

Die innere Freiheit der Haltung

Frankl kam zu einer bemerkenswerten Einsicht.

Ein Mensch kann in Situationen geraten, die er nicht gewählt hat und die er vielleicht kaum oder überhaupt nicht verändern kann.

Und dennoch kann unter bestimmten Umständen ein letzter innerer Bereich bestehen bleiben:

die eigene Haltung zu dem, was geschieht.

Dieser Gedanke darf nicht missverstanden werden.

Er bedeutet nicht, dass Leid gut sei.

Er bedeutet auch nicht, dass ein Mensch jedes Leid geduldig hinnehmen müsse.

Und schon gar nicht bedeutet er, dass Opfer verantwortlich wären für das, was ihnen angetan wird.

Wenn wir Unrecht verhindern oder verändern können, dann sollten wir handeln.

Frankl beschäftigte jedoch eine andere Frage.

Was geschieht in einer Situation, in der ein Mensch die äußeren Bedingungen tatsächlich nicht mehr verändern kann?

Dann bleibt möglicherweise noch ein kleiner, manchmal sehr kleiner innerer Handlungsspielraum.

Die Frage lautet dann nicht:

„Warum geschieht mir das?“

Sondern vielleicht:

„Wie antworte ich darauf?“

Diese Möglichkeit, zur eigenen Situation innerlich Stellung zu nehmen, wurde für Frankl zu einem zentralen Gedanken.

Und sie führte später wesentlich zu seiner Logotherapie.

Der Mensch sucht Sinn

Frankl sah den Menschen nicht nur als ein Wesen, das nach Lust, Besitz, Macht oder Erfolg strebt.

Für ihn besitzt der Mensch ein tiefes Bedürfnis nach Sinn.

Wir wollen wissen, wofür wir etwas tun.

Warum sich eine Anstrengung lohnt.

Welche Aufgabe vielleicht vor uns liegt.

Für wen wir Verantwortung tragen.

Und was unserem Leben Bedeutung geben kann.

Damit unterscheidet sich Sinn grundlegend von bloßem Wissen.

Ein Mensch kann sehr viel wissen und dennoch das Gefühl haben, sein Leben sei leer.

Ein anderer besitzt vielleicht wesentlich weniger theoretisches Wissen und weiß trotzdem sehr genau:

Dafür stehe ich morgens auf.

Dieser Mensch braucht mich.

Diese Aufgabe möchte ich erfüllen.

Dafür möchte ich Verantwortung übernehmen.

Vielleicht liegt darin ein wichtiger Unterschied zwischen dem Wissen um das Leben und dem Erleben eines Sinnes im eigenen Leben.

Wissen beantwortet vieles – aber nicht jedes Wozu

Die Wissenschaft kann uns heute in beeindruckender Weise erklären, wie etwas funktioniert.

Wir verstehen immer genauer, wie der menschliche Körper arbeitet, wie Krankheiten entstehen, wie Energie erzeugt oder Informationen übertragen werden.

Wir entwickeln neue Technologien und inzwischen sogar Systeme künstlicher Intelligenz.

Dieses Wissen ist von unschätzbarem Wert.

Aber aus der Tatsache, dass wir etwas können, folgt noch nicht automatisch, dass wir es auch tun sollten.

Eine neue Technologie kann faszinierend sein.

Doch sie selbst beantwortet nicht die Frage:

Wem soll sie dienen?

Sie sagt uns nicht, welche Folgen wir in Kauf nehmen wollen und wo möglicherweise Grenzen gesetzt werden müssen.

Damit begegnet uns erneut die Frage aus Folge 5:

Wozu?

Vielleicht beginnt Weisheit gerade dort, wo unser Können auf die Frage nach Bedeutung und Verantwortung trifft.

Wissen allein genügt nicht

Damit kommen wir zu einem Gedanken, den wir für diese letzte Folge bewusst aufgehoben haben.

Frankls Denken macht sehr deutlich:

Wissen allein genügt nicht, um ein erfülltes Leben zu führen.

Ein Mensch kann hochgebildet und beruflich erfolgreich sein.

Er kann gesellschaftliche Anerkennung genießen.

Und trotzdem kann irgendwann die Frage auftauchen:

Wofür eigentlich?

Umgekehrt kann ein Mensch durch eine sehr schwere Lebensphase gehen und dennoch eine Aufgabe erkennen, die seinem Leben Bedeutung gibt.

Vielleicht können wir Frankls Gedanken für unsere Podcast-Reihe deshalb so zusammenfassen:

Nicht nur entscheidend ist, was ein Mensch weiß.

Entscheidend wird auch, welchen Sinn er erkennt und welche Antwort er mit seinem Leben darauf gibt.

Und damit verändert sich unsere bisherige Betrachtung.

Vom Wissen zur Verantwortung

Sinn und Verantwortung gehören bei Frankl eng zusammen.

Denn sobald ich erkenne, dass etwas für mich Bedeutung besitzt, kann daraus Verantwortung entstehen.

Denken wir an einen Arzt.

Sein medizinisches Wissen gibt ihm Fähigkeiten.

Doch vor ihm steht ein konkreter Mensch.

Plötzlich wird aus Wissen Verantwortung.

Ähnlich ist es bei einem Lehrer.

Er besitzt pädagogisches und fachliches Wissen.

Doch vor ihm sitzt kein abstrakter „Schüler“.

Vor ihm sitzt ein junger Mensch.

Auch hier bekommt Wissen plötzlich eine Beziehung.

Oder nehmen wir etwas ganz Alltägliches.

Ich erkenne, dass jemand meine Hilfe braucht.

In diesem Augenblick lautet die Frage nicht mehr nur:

„Was weiß ich?“

Sondern:

„Was bedeutet das, was ich erkannt habe, jetzt für mein Handeln?“

Genau hier treffen sich Frankls Gedanken mit unserem bisherigen Weg.

Erinnern wir uns an das Kind aus Folge 2

In einer früheren Folge haben wir ein achtjähriges Kind betrachtet.

Ein anderes Kind sitzt allein auf dem Schulhof.

Unser Kind kann keine wissenschaftliche Abhandlung über Empathie schreiben.

Vielleicht kennt es nicht einmal dieses Wort.

Aber es sieht den anderen.

Es bleibt stehen.

Es setzt sich vielleicht dazu und fragt:

„Was ist los?“

Damals haben wir gesagt:

Wissen über Empathie und empathisches Handeln sind nicht dasselbe.

Heute können wir einen Schritt weitergehen.

In diesem kleinen Augenblick bekommt etwas Bedeutung.

Der andere Mensch ist mir nicht gleichgültig.

Seine Situation geht mich etwas an.

Und daraus entsteht eine Handlung.

Vielleicht liegt darin bereits im Kleinen etwas von dem, was Verantwortung bedeutet.

Sinn kann man nicht verordnen

Hier müssen wir noch einmal an unsere Podcast-Reihe „Lehren oder belehren?“ denken.

Kann ich einem Menschen sagen:

„Das ist der Sinn deines Lebens“?

Nein.

Dann würden wir wieder belehren.

Sinn lässt sich nicht wie eine Unterrichtseinheit vermitteln.

Wir können einem Menschen Fragen stellen.

Wir können Erfahrungen ermöglichen, Orientierung anbieten und über Werte sprechen.

Aber ein Mensch muss selbst entdecken, was für ihn Bedeutung besitzt und wofür er Verantwortung übernehmen möchte.

Damit bekommt Bildung noch einmal eine neue Aufgabe.

Vielleicht sollte sie jungen Menschen nicht nur Antworten geben.

Vielleicht sollte sie auch Räume schaffen, in denen die großen Fragen überhaupt gestellt werden dürfen.

Fragen wie:

Wer bin ich?

Was kann ich?

Was ist mir wirklich wichtig?

Und vielleicht irgendwann:

Was braucht die Welt von mir?

Das sind keine typischen Prüfungsfragen.

Und trotzdem könnten sie zu den wichtigsten Bildungsfragen überhaupt gehören.

Sinn ist nicht dasselbe wie Erfolg

Unsere Gesellschaft vermittelt leicht den Eindruck, ein gelungenes Leben müsse vor allem ein erfolgreiches Leben sein.

Eine gute Ausbildung, ein angesehener Beruf, ein gutes Einkommen und gesellschaftliche Anerkennung können durchaus erstrebenswert sein.

Aber Frankls Denken zwingt uns zu einer anderen Frage:

Ist Erfolg dasselbe wie Sinn?

Offensichtlich nicht.

Ein Mensch kann äußerlich sehr erfolgreich sein und innerlich dennoch keine Bedeutung in dem erkennen, was er tut.

Ein anderer erhält vielleicht kaum gesellschaftliche Anerkennung und erlebt seine Aufgabe trotzdem als zutiefst sinnvoll.

Denken wir an jemanden, der einen Angehörigen pflegt.

An Eltern, die für ein Kind da sind.

An einen Menschen, der ehrenamtlich hilft.

Oder an jemanden, der eine Arbeit verrichtet, die wenig öffentliche Aufmerksamkeit bekommt und trotzdem für viele andere unverzichtbar ist.

Sinn lässt sich offenbar nicht einfach in Geld, Titeln oder Ansehen messen.

Und plötzlich sind wir wieder bei Erich Fromm:

Haben oder Sein?

Sinn bedeutet nicht: Alles hat einen einfachen Grund

Auch hier müssen wir vorsichtig sein.

Wenn ein Mensch schweres Leid erlebt, wäre es vermessen, ihm von außen zu erklären:

„Das hat bestimmt einen Sinn.“

Ein solcher Satz kann sogar verletzend sein.

Frankls Denken sollte niemals dazu benutzt werden, Leid schönzureden.

Die entscheidende Frage lautet nicht:

Welchen Sinn muss dieses Leid haben?

Sondern eher:

Kann ein Mensch selbst trotz einer schwierigen Situation noch eine Möglichkeit finden, seinem Leben Bedeutung zu geben?

Das ist etwas völlig anderes.

Sinn wird nicht von außen verordnet.

Er kann nur vom Menschen selbst entdeckt werden.

Freiheit ist nicht grenzenlos – und dennoch bedeutsam

Auch die Vorstellung von innerer Freiheit dürfen wir nicht romantisieren.

Menschen sind geprägt.

Von ihrer Biografie.

Von körperlichen und psychischen Voraussetzungen.

Von ihrer sozialen Lage.

Von Armut oder Wohlstand.

Von Beziehungen.

Von Möglichkeiten und Begrenzungen.

Wir sind also keineswegs vollkommen frei von unseren Bedingungen.

Frankls Gedanke richtet unsere Aufmerksamkeit vielmehr auf die Frage:

Wo bleibt dennoch ein Handlungsspielraum?

Vielleicht kann ich meine gesamte Situation nicht verändern.

Aber möglicherweise kann ich einen nächsten Schritt wählen.

Ich kann eine Haltung überprüfen.

Eine Entscheidung treffen.

Verantwortung übernehmen.

Um Hilfe bitten.

Oder einem anderen Menschen helfen.

Diese Freiheit kann manchmal groß sein.

Und manchmal sehr klein.

Aber gerade deshalb kann sie so bedeutsam sein.

Wissen, Eigenschaften und Sinn

Nun können wir die letzten Folgen miteinander verbinden.

Wir brauchen Wissen, um die Welt besser zu verstehen.

Kreativität eröffnet uns neue Möglichkeiten und Wege.

Geistige Eigenschaften beeinflussen, wie wir mit diesen Möglichkeiten umgehen.

Verantwortung richtet unseren Blick auf die Folgen unseres Handelns.

Und Sinn stellt schließlich die Frage:

Wofür tue ich das alles?

Diese Gedanken stehen nicht nebeneinander wie einzelne Fächer in einem Schrank.

Sie gehören zusammen.

Vielleicht kommen wir damit unserem Begriff der Weisheit langsam näher.

Denn Weisheit könnte gerade darin bestehen, diese verschiedenen Ebenen miteinander zu verbinden.

Ist Sinn etwas rein Persönliches?

Doch hier entsteht eine schwierige Frage.

Wenn jeder Mensch seinen eigenen Sinn sucht, ist dann alles beliebig?

Könnte jemand sagen:

„Mein Lebenssinn besteht darin, möglichst viel Macht über andere Menschen zu gewinnen“?

Oder:

„Für mich ist es sinnvoll, mich selbst zu bereichern, ganz gleich, was mit anderen geschieht“?

Reicht es also aus, dass etwas für mich persönlich sinnvoll erscheint?

Vielleicht nicht.

Denn wir leben nicht allein.

Sobald wir mit anderen Menschen verbunden sind, hat unser Handeln Auswirkungen auf deren Leben.

Deshalb braucht auch Sinn Verantwortung.

Und Verantwortung wiederum braucht Eigenschaften wie Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl.

Wir kommen immer wieder zu derselben Erkenntnis:

Keiner dieser Begriffe kann für sich allein stehen.

Vom neugierigen Kind zum verantwortlichen Menschen

Kehren wir noch einmal an den Anfang dieser Reihe zurück.

Zu unserem neugierigen Kind.

Es lässt einen Gegenstand fallen.

Es beobachtet.

Probiert noch einmal.

Und fragt:

Warum?

So beginnt Wissen.

Später kommt Schule.

Der Mensch lernt, sammelt Erfahrungen und versteht immer mehr Zusammenhänge.

Er entwickelt eigene Gedanken.

Er trifft Entscheidungen.

Er handelt.

Und irgendwann taucht eine neue Frage auf.

Nicht mehr nur:

„Warum ist die Welt so?“

Sondern vielleicht:

„Welche Aufgabe habe ich in dieser Welt?“

Das könnte ein entscheidender Schritt menschlicher Entwicklung sein.

Aus dem neugierigen Menschen wird nicht nur ein wissender Mensch.

Er kann zu einem verantwortlichen Menschen werden.

Vom Wissen zur Weisheit

Und nun stehen wir wieder vor dem Titel unserer gesamten Reihe:

Vom Wissen zur Weisheit.

Nach acht Folgen können wir vielleicht vorsichtig versuchen, uns diesem Begriff anzunähern.

Weisheit ist offenbar nicht einfach die Menge unseres Wissens.

Ein Computer kann ungeheure Mengen an Informationen speichern.

Aber allein deshalb würden wir ihn nicht als weise bezeichnen.

Weisheit braucht mehr.

Sie braucht Verstehen und Erfahrung.

Sie braucht Urteilskraft.

Und sie braucht vielleicht auch jene Demut, die anerkennt, dass unser eigenes Wissen immer Grenzen besitzt.

Mitgefühl und Verantwortung gehören ebenso dazu.

Und schließlich die Fähigkeit, nach dem Sinn unseres Handelns zu fragen.

Vielleicht beginnt Weisheit deshalb dort, wo ein Mensch nicht mehr nur fragt:

„Was weiß ich?“

oder:

„Was kann ich?“

Sondern zunehmend auch:

„Wozu nutze ich mein Wissen?“

„Welche Folgen hat mein Handeln?“

„Und wem dient das, was ich tue?“

Das Samenkorn

Und ein letztes Mal kehren wir zu unserem Samenkorn zurück.

Am Anfang dieser Reihe haben wir gesagt:

Wissen ist wie ein Samenkorn. Ob daraus eine Pflanze wird, entscheidet sich später.

Wir haben dieses Samenkorn erworben und darüber nachgedacht, ob sein bloßer Besitz bereits etwas bedeutet.

Wir haben versucht zu verstehen, was in ihm steckt.

Wir haben nach Bedingungen gesucht, unter denen es wachsen kann, und wir haben über Kreativität und eigene Entwicklung gesprochen.

Später wurde aus dem Wachstum Handlung.

Und das Samenkorn begann Früchte zu tragen.

Heute können wir noch eine weitere Frage hinzufügen:

Welche Früchte trägt diese Pflanze – und wem kommen sie zugute?

Vielleicht liegt genau darin der Übergang vom Wissen zur Weisheit.

Nicht darin, möglichst viel anzusammeln.

Sondern darin, aus dem Erkannten etwas entstehen zu lassen, das dem Leben dient.

Schluss – Und wem dient unsere Weisheit?

Viktor Frankls Leben und Denken erinnern uns an etwas, das in einer wissensorientierten Gesellschaft leicht verloren gehen kann:

Der Mensch lebt nicht allein von Informationen.

Auch Erfolg und Besitz können die Frage nach Bedeutung nicht vollständig beantworten.

Wir brauchen Aufgaben.

Wir brauchen Beziehungen.

Und wir brauchen die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen.

Vielleicht können wir deshalb am Ende unserer Reihe unseren Weg so zusammenfassen:

Wissen hilft uns zu erkennen, was ist.

Verstehen lässt uns Zusammenhänge entdecken.

Geistige Eigenschaften prägen die Art, wie wir handeln.

Verantwortung richtet unseren Blick auf die Folgen.

Und Sinn gibt unserem Handeln eine Richtung.

Was aber ist dann Weisheit?

Vielleicht zeigt sie sich gerade darin, all dies miteinander zu verbinden.

Nicht nur zu wissen.

Nicht nur zu verstehen.

Sondern das Erkannte verantwortlich in das eigene Leben zu übersetzen.

Damit könnte unsere Podcast-Reihe eigentlich enden.

Vom Wissen zur Weisheit.

Und doch bleibt eine Frage offen.

Vielleicht sogar die wichtigste.

Wenn ich Wissen erworben habe, wenn ich verstehe, wenn ich meine Fähigkeiten entwickle und beginne, Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen:

Für wen tue ich das eigentlich?

Nur für mich?

Kann Weisheit wirklich dort enden, wo mein eigenes Leben endet?

Oder verändert sich etwas, wenn ich erkenne, dass mein Handeln immer auch andere Menschen berührt?

Dass mein Wissen anderen helfen kann.

Dass meine Entscheidungen Auswirkungen auf eine Gemeinschaft haben.

Und dass vielleicht auch meine persönliche Entwicklung nicht ausschließlich eine private Angelegenheit ist.

Dann führt uns der Weg plötzlich über uns selbst hinaus.

Vielleicht beginnt der wissende Mensch irgendwann zu fragen:

Nicht nur:

„Was kann ich aus meinem Leben machen?“

Sondern:

„Was kann durch mich für andere entstehen?“

Und vielleicht verändert sich damit auch unser Verständnis von Verantwortung.

Dann ist Verantwortung nicht mehr nur die Frage:

Was tue ich mit meinem Wissen?

Sondern auch:

Was bedeutet mein Handeln für das größere Ganze, zu dem ich gehöre?

Damit endet diese Reihe.

Aber der Gedanke geht weiter.

Denn vielleicht führt der Weg vom Wissen zur Weisheit letztlich zu einer Erkenntnis, die ganz einfach klingt und doch weitreichende Folgen hat:

Wir lernen nicht nur für uns selbst.

Vielleicht lernen wir irgendwann auch,

füreinander zu denken, miteinander zu handeln und Verantwortung nicht nur für das eigene Leben, sondern auch für unser gemeinsames Leben zu übernehmen.

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